Gestrickte Perlbeutel: Das ist das Handwerk von carakess

In den 30er Jahren waren sie in ganz Europa sehr beliebt: gestrickte Perlbeutel. Heute ist dieses Handwerk kaum noch anzutreffen. Mit  www.carakess.de habe ich eine Frau gefunden, die es über den Verkauf in Onlineshops und einem Ladenlokal in Regensburg noch ausübt, sie gibt auch Kurse und verkauft Mustervorlagen. Es war nicht so einfach, dieses Handwerk wieder zu etablieren. Sie beschreibt hier, wie es für sie dazu kam. Und wie sie arbeitet.

Perlbeutel stricken: carakess, die Perlenstrickerin
Geht nur in Handarbeit: gestrickte Perlbeutel anfertigen.  Foto: carakess

Liebe auf der ersten Blick

Seit wann üben Sie ihr Handwerk/Ihren Beruf denn schon aus? Was ist Ihre Ausbildung?
Schmuck mache ich schon seit meinem 9. Lebensjahr. Seit 2005 verkaufe ich Schmuck aus Glasperlen. Das Perlbeutel-Stricken hat mich wie ein Blitz getroffen; es war Liebe auf den ersten Blick auf einem Flohmarkt im Frühling 2011. Und ich wollte unbedingt wissen, wie das geht. Habe mühsam im Internet recherchiert. Der Perlbeutel-Industriezweig ist in den 30ern eingebrochen und mit dem 2. Weltkrieg komplett verschwunden. Literatur dazu gibt es so gut wie gar nicht; es war ja meist Heimarbeit für Frauen und Mädchen; also nichts wert. Ich habe mir das meiste selbst beigebracht, besitze eine umfangreiche Sammlung, gebe Kurse, es wurde auch schon im TV und in Zeitschriften über mein Handwerk berichtet. Ich entwerfe selber Muster für Beutel und verkaufe das komplette „Kit“ dazu. Wer Hilfe benötigt, dem biete ich einen Kurs an.

Stellen Sie sich bitte vor, Sie müssten einem Blinden beschreiben was Sie beruflich tun… 
Ich stricke Perltaschen/-Beutel, wie vor 200 Jahren. Das Muster wird von mir am PC auf Karopapier „gemalt“. Jedes farbige Kästchen steht für eine 1,5mm große Glasperle. Die Glasperlen werden laut Muster der Reihen nach auf Garn gefädelt und Runde für Runde mit einem 1mm dünnen Stricknadelspiel abgestrickt. Wenn man sich nicht verzählt hat und keine Glasperle vergessen wurde, ergibt das Ganze nach 40 bis 140 Stunden Arbeit einen gestrickten Perlbeutel mit Rosen, Stilleben oder figürlicher Darstellung.

Perlbeutel stricken: carakess, die Perlenstrickerin. Foto: carakess
 Foto: carakess

“ Ich möchte mich nie für das schönste Werk entscheiden müssen!“

Können Sie in Ihrem Handwerk wirklich kreativ sein? Ja? In welcher Form?
Ich kann kreativ sein in Bezug auf Motiv, Form, Farben oder Verwendung. Mein Glasperlenstrickwerk muss nicht zwangsläufig ein Beutel werden. Ich kann damit auch ein Bild gestalten oder ein Brillenetui verzieren.

Können Sie mir bitte den Begriff „Handwerk“ definieren – ganz subjektiv, auf Sie und Ihre Arbeit bezogen?
Handwerk bedeutet für mich: mit meinen Händen erschaffen. Meine Finger tun manchmal weh, aber das entstandene Werk entschädigt für die unzähligen Stunden von der Idee bis zur Umsetzung, die ich in ein Projekt investiere.

Was lieben Sie an Ihrer beruflichen Tätigkeit am meisten? Und was an den Produkten, die Sie fertigen?
Ich liebe es, frei arbeiten zu können. Ich biete meinen Kunden Werke an, die meinen Ideen entsprungen sind und wenn sie ihnen gefallen, werden sie gekauft. Wenn mir heute nach Beutel stricken zumute ist, dann mache ich das. Oder ich besticke ein Collier oder ich verarbeite antike Fundstücke oder fädle Armbänder. Oder ich erstelle Muster am PC. Nicht jeder Tag ist gleich gut für alle Tätigkeiten. Ich kann selbst entscheiden, was ich heute machen will. Jedes Produkt ist ein Unikat. Ich möchte mich nie für das schönste Werk entscheiden müssen. Alle haben ihre eigene Geschichte.

carakess: bestickter Kragen. Perlbeutel stricken
Und hier ein bestickter Kragen… Foto: carakess

„Gestrickte Perlbeutel sind nicht maschinell herzustellen!“

Was ist aus Ihrer Sicht das Gegenteil von „Handwerk“?
Das Gegenteil von Handwerk ist Massenware. Aber selbst da hat sich irgendwann jemand einen Prototypen einfallen lassen, aber dann die Individualität und Liebe zum Detail raus genommen und entseelt. Blechdosen zum Beispiel… kalt, aber praktisch. Die bekommen erst wieder eine persönliche Note mit einer schön designten Banderole.

Wenn Kunden bei Ihnen etwas in Auftrag geben wollen, müssen Sie da vorher viel erklären? Entsteht durch solche Kundengespräche im Vorfeld eine besondere Kunden-Bindung?
Meine Kunden nehmen das, was da ist, nur ein bisschen anders. Bei solchen Gesprächen entwickelt sich  – je nach Umfang des Projekts –  durchaus eine Beziehung. Wenn ich zum Beispiel nur ein Armband fädeln soll, in Wunschfarbe und -länge dann geht das ruck-zuck. Wenn ich aber ein Perlbeutel-Muster erstelle, mit Wunschmotiv, Wunschgröße und den Beutel noch im Kurs mit der Kundin stricke, entsteht eine treue Bindung. Erst letzte Woche haben mir zwei Kundinnen Kuchen, Marmelade und kleine Geschenke mitgebracht. Einfach so. Sowas ist schon sehr toll.

Für fast alle handwerklich gefertigten Produkte gibt es ja heute industriell/serienmäßig gefertigte Pendants. Wie sehen Sie das Verhältnis zwischen Ihren Produkten/Ihren Produktions-Wegen und den nicht-handwerklichen Fertigungen?
Gestrickte Perlbeutel sind nicht maschinell herzustellen. Um 1880 wurden Perlbeutel maschinell gewebt; sind aber in der Qualität nicht das, was gestrickte Perlbeutel sind. In der Mode-Entwicklung sind sie fast verschwunden. Perlbeutel sind eher noch im Trachtenbereich in Bezug auf Handwerk und Tradition anzutreffen. Da kommen auch meine Kunden hauptsächlich her. In der modernen Arbeitswelt sind von Hand gestrickte Perlbeutel fast nicht bezahlbar, deswegen für die Mehrheit leider uninteressant.

Finden Sie, dass es im Deutschland von heute noch genügend handwerkliche Angebote gibt?
Klassische alte Ausbildungsberufe wie Buchbinder, Modist oder Weber sind eher rar gesät. Das schreckt natürlich auch interessierte junge Menschen davon ab, einen alten handwerklichen Beruf zu erlernen. Schreiner oder Schmied müssen sich spezialisieren. In der modernen, technischen Welt ist es schwer, einen handwerklichen Ausbildungsbetrieb zu finden und dann später mit diesem Beruf gut leben zu können. Handwerklich gefertigte Produkte werden preislich oft mit Südostasien-Importen verglichen. Die investierte Zeit wird nicht mit dem in Deutschland geltenden Mindestlohn umgerechnet. Ich denke da an Filzer, Schuster, Rahmenbauer, Schneider…. Erst, wenn man sich als Designer einen Namen gemacht hat, kann man in der Fangemeinde angemessene Preise verlangen.

Dieses tolle Collier trägt den Namen Luise... Foto: carakess
Dieses tolle Collier trägt den Namen Luise…  Foto: carakess

Die menschliche Kreativität….

Wenn Sie für sich und Ihr Handwerk einen Wunsch frei hätten, welcher wäre das?
Ich würde mir wünschen, dass Perlbeutel wieder ganz schwer in Mode kommen ;). Oder dass ein Mitglied des Königshauses ein Schmuckstück von mir trägt und ALLE wollen auch so eines haben und sind bereit, monatelang darauf zu warten….

Ein Zitat von Josef Beuys: „Die einzige revolutionäre Kraft ist die Kraft der menschlichen Kreativität“. Mögen Sie dazu was sagen?
Ich kann jemandem einen Baumstamm hinlegen und an Brennholz denken und je nach Kreativität des anderen wird daraus: ein Kanu, eine Skulptur, ein Teller, Löffel, Regal, Brotzeitbrett, Zündhölzer, Vogelhäuschen, ein Haus oder Zahnstocher. Die menschliche Kreativität IST hier die Revolution.